Cecilia Maria Barthélemon
 (ca. 1770 - 1827)

wurde von mir 1988 wiederentdeckt und im selben Jahr erstmalig aufgeführt. 1991 folgte eine Aufnahme der Sonate E-Dur für Cembalo solo im SWF.  Es gelang mir in kurzer Zeit aller vorhandenen Drucke der verschiedensten Werke, die alle im kammermusikalischen Genre angesiedelt sind, habhaft zu werden. Seither ist in jedem Programm mindestens ein Werk dieser aussergewöhnlich brillanten Komponistin vertreten.  1998 folgte eine Aufnahme auf CD mit der Flötensonate aus op. 1 mit der Flötistin Irene Schmidt und dem Cellisten Wladimir Kissin in der Reihe "Europäische Hofkomponistinnen"

Das Urteil der Flötistin Irene Schmidt spricht für sich: "Die Flötensonate aus op. 1 gehört inzwischen längst zu meinem Repertoire.  Ein übermütiges, bravouröses Stück, hinter dem eine elegant-kapriziöse Persönlichkeit erscheint.  Diese Sonate kam meinen flötistischen Ambitionen nicht gleich entgegen.  Sie erschien mir sperrig und gar nicht nach den barocken Gesetzen gemacht.  Im Zusammenspiel mit dem Cembalo erschloss sich aber ihr Witz und schalkhafter Einfallsreichtum mehr und mehr.  Im 2. Satz, dem Rondo, können beide Instrumente virtuos-spielerisch miteinander wetteifern.  Brillanz und Leichtigkeit wechseln mit melodiöser Wehmut.  Hätte sie doch mehr geschieben!"  Beim Fest der 1000 Frauen in Frankfurt in der Alten Oper im Jahre 2000 setzte Irene Schmidt einen Gedenkstein für die Komponistin.

Cecilia Maria Barthélemon hatte das Glück, in einer künstlerisch bedeutenden Musikerfamilie geboren zu werden.  Ihre Mutter war die Sängerin, Cembalistin und Komponistin Mary Young, seit 1766 verheiratet mit Hippolyte Barthélemon. Mary Youngs Familie weist in mehreren Generationen Sängerinnen und Komponistinnen auf, die öffentlich in Erscheinung traten.  Der Vater, Hippolyte Barthélemon, ein gebürtiger Franzose, der 1764 nach England immigriert war, gab sein Debut in London 1764 in Covent Garden und am gleichen Ort am 5. Juni ebenfalls 1764 mit Mary Young ein Benefizkonzert für die Geschwister Mozart, die sich auf Konzertreise in England befanden. Mit Hippolyte Bartehélemon war Joseph Haydn während seiner Jahre in London eng befreundet (sie bezeichneten sich gegenseitig als "brothers in affection").

1776 bereisten die Eltern Barthélemon die europäischen Fürstenhöfe.  Bei dieser Gelegenheit wurde die noch sehr junge Cecilia Maria in Paris Marie-Antoinette vorgestellt.  Cecilia Maria Barthélemon erhielt eine sorgfältige Ausbildung, u.a. bei Samuel Schröter, dessen Name eng mit den Bach-Abel-Konzerten in London verbunden ist. Das Studium der jungen Frau umfasste Gesang, Cembalo, Orgel und Komposition.

In diesem künstlerischen Klima aufgewachsen, wandte sich Cecilia Maria auch dem musikalischen Metier zu. Als Lehrerin und Hofkomponistin war sie integriert in das musikalisch-geistige Leben Londons, bekannt mit Haydn und Mozart.  Die Subscription ihres ersten gedruckten Werks weist über 400 Namen auf, darunter auch den seiner Majestät des Königs Georgs III. aus dem Hause Hannover. Die gesammelten Sonaten sind der Prinzessin Sophia Mathilde gewidmet.  Trotz der Reputation in ihrer Epoche ist sie heute nahezu vergessen.

 

Hofkomponistinnen an europäischen Fürstenhöfen

Europaweit suche ich nach verlorener Musik von Komponistinnen und arbeite an der Neubewertung der Rolle, die Frauen im Kulturgeschehen des 17. und 18. Jahrhunderts inne hatten.

Allen Hofmusikerinnen des 18. Jahrhunderts ist gemeinsam, dass sie heutzutage absolut unbekannt sind.  Komponierende Frauen in zurückliegenden Jahrhunderten kommen in unserem Geschichtsverständnis nicht vor. Allenfalls kennt man Clara Schumann oder Fanny Mendelssohn als musikalische Anhängsel ihrer berühmten Männer oder Brüder.  Ohne hier die sozialen Ursachen für das Verschwinden eines Teils unserer Musikkultur untersuchen zu wollen, sei doch soviel festgestellt, dass bis zum Beginn der Französischen Revolution die Musikausübung, und zwar eine durchaus professionelle, zum Habitus der adligen Damen gehörte. Genauso wie es Musikerinnen und Komponistinnen gab, die mit ihrer Musik ihren Lebensunterhalt bestritten.  Die Biographien der Musikerinnen des 18. Jahrhunderts sind weitgehend unerforscht. Die nachfolgenden Angaben können daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.
 - Fine Zimmermann

 

Anna Bon di Venezia
 (ca. 1738 - 1760?)

Nach meiner Entdeckung der Flöten - und Cembalo - Sonaten in 1989 wurden die Cembalo-Sonaten als Reprint in der Edition Donna von mir herausgegeben.  Im Januar 1991 habe ich diese Sonaten beim SWF eingespielt, zusammen mit dem Cembalo-Sonaten der Ravissa de Turin.  Die Flötensonaten wurden von mir mit der Flötistin Christiane Meininger im Dezember 1991 auf CD eingespielt und bei Bayer-Records in den Vertrieb aufgenommen. 

Die gleiche Aufnahme wurde im Rahmen eines größeren Projektes, "Hofkomponistinnen an europäischen Fürstenhöfen", unterstützt von der Kulturstiftung in NRW, der Internationalen Komponistinnenbibliothek Unna und der Musikhochschule Detmold/Dortmund 1998 neu aufgelegt. Zu diesem Projekt gehörten eine Konzertreihe in NRW mit Einspielungen auf CD.  In jedem Programm und auf den CD war und ist Anna Bon vertreten. Die zu dem Projekt gehörende Notenedition wurde unterstützt vom Minesterium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes NRW. Anlässlich des Festes der 1000 Frauen im Jahre 2000 in der Alten Oper Frankfurt wurde von mir im Frauen-Gedenklabyrinth ein Gedenkstein für Anna Bon di Venezia gesetzt.

Anna Bon di Venezia (der Name weist auf den Geburtsort Venedig hin) war die Tochter von italienischen Musikvirtuosen - aus jenen Musikerkreisen, die ihren Engagements durch ganz Europa folgten, an Fürstenhöfen gastierten oder zu festen Ensembles gehörten. Die Mutter, Rosa Ruvinetti, war als Sängerin, der Vater, Girolamo Bon, als Lehrer an der Bayreuther Kunstakademie verpflichtet.  Zuvor war die Familie in Potsdam, am Hofe Friedrichs II tätig gewesen. Anna Bon hatte eine umfassenden musikalische Ausbildung am berühmten Ospedale della Pieta erhalten. Gemeinsam mit ihren Eltern erhielt sie dann eine Anstellung als Musikerin am Hof von Bayreuth.  Nach ihrer ersten publizierten Kompostion erkannte man ihr ein Stipendium zu und der Titel "Virtuosa di musica da camera" wurde ihr verliehen.

Mit ca. 16 Jahren war sie bereits Hofkomponistin in Bayreuth, denn unter diesem Titel gab sie 1758 ihr Opera Prima, die Flötensonaten, heraus.  Im nächsten Jahr folgten die Cembalosonaten. Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die älteste Schwester Friedrichs des Großen, hatte aus dem verschlafenen Nest einen europäischen kulturellen Mittelpunkt gemacht und eines der schönsten Opernhäuser des 18. Jahrhunderts gebaut. Hier traf sich die musikalische Welt: Franz Benda, Heinrich Graun, Joh. Adolf Hasse mit seiner Frau Faustina, Joh. Joachim Quantz, Carl Ph. E. Bach, Voltaire, ein enger Freund des Hauses, waren gern gesehene Gäste. Nach dem frühen Tod der Markgräfin und der Auflösung der Hofkapelle zerstreuten sich die Musiker in alle vier Winde. Anna schrieb noch ihre Divertimenti, op.3, die sie dem Kurfürsten Carl Theodor von Bayern widmete, wahrscheinlich auf eine Anstellung hoffend.  Statt dessen finden wir sie wieder mit ihren Eltern am Hof von Esterhazy unter dem Kapellmeister J. Haydn.  Erhalten sind von ihr weiterhin eine Messe sowie eine Kirchenarie. Nach einer Oper, die sie geschrieben haben soll, wird noch gefahndet. Der Lebensweg Anna Bons verliert sich nach dem glanzvollen Beginnn im Dunkel, wie bei so vielen Musikerinnen.  Anna Bon soll nach 1767 am Hof in Hildburghausen als Ehefrau eines Sängers Mongeri gelebt haben, doch wie so vieles ist auch dieses nicht als gesichert anzusehen.

 

Helene Liebmann
 (ca. 1796 - ?) 

Helene Liebmann, geb. Riese, gehört zu den Musikerinnen, deren Lebensweg noch teilweise im Dunkeln liegt. Sie wurde um 1796 als Kind wohlhabender Eltern geboren  Diese erkannten früh das musikalische Talent ihrer Tochter und förderten es durch eine Ausbildung beim "wackeren Musiklehrer Lauska". 1806, als zehnjähriges Wunderkind, debutierte sie mit einem vielbeachteten Klavierabend.  Nur drei Jahre später ist ihre erste Komposition datiert, eine Klaviersonate.  Diesem Opus 1 sollten noch zahlreiche Werke folgen. Bis 1814 gingen in Druck:  eine Sonate für Violoncello und Klavier, zwei Klaviertrios, ein Quartett, zwei Sonaten für Violine und Klavier, sowie sechs Lieder zu Goethe-Texten.

Ein zeitgenössisches Lexikon beschreibt sie 1837 folgendermaßen:  "Als Componistin besitzt sie das schätzbare Talent, sich leicht in Noten auszudrücken, und dies, verbunden mit Lebhaftigkeit und Gefälligkeit im Ausdruck, Gewandtheit in Mancherley, besonders in laufenden oder sonst rauschenden Passagen ... verschaffte ihren Musikstücken viele Freunde und noch mehr Freundinnen iunter geschickten Musikliebhabern und Liebhaberinnen". Recht unfreundlich berichtet 1871 das "Musikalische Wochenblatt" über sie:  "Sie trat bereits 1806 als Pianisten auf, verheiratete sich 1814, zog mit ihrem Gatten nach London.  Mittlerweile kann sie gestorben sein. Ihre Sonaten sind ihr längst vorausgegangen"! Seit ihrem Umzug nach London, 1816, verlieren sich die Nachrichten über sie. Ihre Werke haben gleichwohl in verschiedenen europäischen Bibliotheken überlebt (Berlin, Wien, Neapel)

 

Maria Teresa D`Agnesi -Pinottini
 (1720 - 1795?)

Ein klangvoller Name!  Er begegnete mir 1987 in Form eines bei Freunden verloren gegangenen Allegros. Ich bedauerte dies sehr, denn mich reizte erst mal der Name.  Die Suche nach Werken von ihr gestaltete sich sehr schwierig.  1990 fand ich dann kurz nacheinander in Berlin eine Cembalo-Sonate, in Modena gleich zwei Cembalosonaten und das Fragment einer Oper.  1992 wurde ich in Brüssel mit einem kleinen Cembalokonzert unter Streicherbegleitung fündig. Erst 1996, anläßlich einer größeren Bibliotheksreise, konnte ich in Wien einen echten Schatz heben:  zwei komplette Opern, eine Partita, ein Allegro, ein Valtz, angeblich im Alter von drei Jahren verfasst, zwei Concerti für Cembalo und Streicher, noch ein Allegro sowie eine Cembalosonate.  Eine der Cembalosonaten gehört seither zu meinem Repertoire, wurde auf CD aufgenommen in der Reihe "Europäische Hofkomponistinnen". Im Jahre 2000 gingen drei Cembalosonaten in Druck bei dem P.J.Tonger Musikverlag in Köln.

"Neapel, Venedig, Padua, Mailand waren im 18. Jahrhundert die Zentren der italienischen Musik, die jeweils ihren eigenen Stil und eine Vorliebe für bestimmte Gattungen deutlich werden ließen.  Mailand schätzte schon damals die Oper, und Maria Teresa D'Agnesi Pinottinis aus heutiger Sicht erstaunlichsten Erfolge sind die überaus zahlreichen Aufführungen ihrer Opern. Verlässliche Quellen sprechen von mehr als 'ein hundert', zuweilen werden auch bis zu 'zweihunder' genannt.

"Diese Frau, deren Lebensjahre dreiviertel des Jahrhunderts umfassen, schrieb von ca. 1747 bis ca. 1766 mindestens sieben Bühnenwerke:  Opern, die sie als 'Drama' bezeichnete, eine pastorale Kantate und eine szenische Serenade. Drei der Opern nach eigenem Libretto, die Kantate zu einem Text von Riviera und 'Il re pastore' zum Libretto von Metastasio.

"Daneben sind mehrere Arien überliefert und vier größere Instrumentalkompositionen, Konzerte für Cembalo, Violine und Bass. Das kammermusikalische Oeuvre besteht aus Fantasien und Tanzstücken für Cembalo, sowie aus mehreren Sonaten für Cembalo solo.  Dies vielseitige Werk und der Erfolg der Opern sprechen für eine gute musikalische Ausbildung und wahrscheinlich auch ein offizielles Studium am Konservatorium in Mailand.  Sie komponierte für das Mailänder Hoftheater, war als Cembalistin weit bekannt und ebenso als Sängerin.  Sie begleitete sich, wie es üblich war, selbst auf dem Cembalo, wenn sie sang.

"Maria Teresa D´Agnesis Vater hatte die Neigung und Begabungen seiner Töchter, die vermutlich sehr hohe musikalische Begabung Mariea Teresas und die mathematischen Studien Maria Gaetanas, geförder (Klens, Mathermatikerinnen). Dies schließt jedoch ehrgeiziges Interesse an seinem eigenen Prestige nicht aus. - zu einem Zeitpunkt nämlich, als im nahen Bologna Frauen von Papst Benedikt in wissensdhaftliche Ämter in Akademie und Universtität berufen werden konnten.  Belegt ist, dass das Haus in Mailand berühmt war für die gelehrten Töchter (Kleinert, Agnesi und Bassi). Während Maria Gaetana sich früh in studierende Einsamkeit zurückzog und nur durch ihr in den meisten Ländern Europas bekanntes Lehrbuch wirkte, der späteren Berufung an die Universtität Bologna aber nicht folgte, füllte die Musikerin ihre öffentliche Position aus.  Sie heiratete 1752 Antoniio Pinottini, änderte damit jedoch nichts an ihrem musikalischen Schaffen.  Die Kompositionen Maria Teresa D´Agnesi Pinottinis wurden weit über Italien hinaus bekannt und häufig und gern gespielt. Eine ihrer Sonaten für Cembalo (G-Dur) wurde 1766 in Leipzig bei Breitkopf gedruckt."
- Dr. Ingrid Helena Helmke, 1999